Notice: Function _load_textdomain_just_in_time was called incorrectly. Translation loading for the Dass meine Ernährung für die ein oder anderen unverständlich, seltsam oder amüsant ist, das bin ich ja gewöhnt. „‚Vegetarier‘ ist ein steinzeitliches Wort für ‚zu blöd zum Jagen’”, ist ein Uralt-Witz und nur der Anfang. Trotzdem. Seit nunmehr anderthalb Jahrzehnten esse ich kein Fleisch und keinen Fisch, und ja: auch kein Hühnchen. Damit kam ich bisher auch immer ganz gut klar. In Rotterdam und Berlin waren arabische Restaurants und Fast-Food-Läden immer meine erste Anlaufstelle, wenn ich nicht kochen wollte. Ich liebe Falafel, Hummus, Baba Ganoush, Halloumi und alles was zu einer Mezze- oder arabischen Vorspeisenplatte dazugehört. Ich könnte mich nur davon ernähren. Und oh: Fattoush! Daher hatte ich mich unheimlich auf das Essen in Jordanien gefreut, wähnte ich mich doch schon im Vegetarier-Schlaraffenland. Umso größer war meine Überraschung, als ich hier mehrfach in Restaurants vor einem leeren Teller saß. Vegetarisch essen ist hier unüblich und Fleisch gehört zu einer Mahlzeit schlichtweg dazu. Meine geliebten Mezze sind eben einfach nur Vorspeisen. Bei einem Ausflug in die Stadt Madaba, bekannt für atemberaubende Mosaike aus antiker Zeit und den Berg Nebo, auf dem Moses das Heilige Land zum ersten Mal gesehen haben und danach gestorben sein soll, wollten mein Mann und ich gerne noch etwas zu Abend essen. Nach gefühlt stundenlangem Suchen fanden wir uns in einem Lokal wieder, das eine Mischung aus Fast-Food und einem einfachen Restaurant war. Auf der recht umfangreichen Karte fand ich jedoch nichts ohne Fleisch. Zu hungrig und zu beschämt einfach so zu gehen, fragte ich den Kellner, ob es denn auch etwas Vegetarisches gäbe. „Ja klar“, meinte er: „Sandwich Batata!”. Super, dachte ich, und bekam: Pommes mit Majo und Ketchup im Brot. Batata heißt „Kartoffel“ erinnerte ich mich. Diese Woche wird zum Beispiel Eid al-Adha, das Opferfest, gefeiert. Es ist das höchste muslimische Fest und gedenkt der, auch biblischen, Geschichte Abrahams, dem von Gott aufgetragen wurde, seinen Sohn Ismael zu opfern (im Koran in der Sure 37,99–11 wird jedoch nur der Begriff „Sohn” verwendet, nach gängiger islamischer Lehre ging es um Ismael; nach biblischer Tradition handelte es sich um Isaak: Genesis 22,1–19). Aber Gott griff in letzter Sekunde ein, und befahl Abraham, statt Ismael einen Widder zu opfern. Abraham hatte durch seine Bereitschaft, seinen Sohn zu opfern, die Gottesprobe bestanden. Wenn man es sich finanziell leisten kann, ist es üblich, am Tag des Opferfests ein Tier zu schlachten, meistens ein Schaf, um diesem fundamentalen Ereignis in der muslimischen Überlieferung zu gedenken. Das Fleisch wird gemeinsam mit Verwandten gegessen; die Reste werden an Bedürftige verteilt. Im Herzen des Fests steht also das Essen von Fleisch. Es kann sogar passieren, dass Muslime mit einer bestimmten Auslegung des Islam Vegetarismus und Veganismus als haram, verboten, ablehnen, weil Fleisch essen im Koran ausdrücklich erlaubt ist. Eine vegane britische Muslima berichtete der BBC im letzten Jahr, dass sie ihren Veganismus lange vor ihrer Familie geheim hielt. Auch bei Christen spielt Fleisch eine zentrale religiöse und soziale Rolle: Während der Fastenzeit und wahlweise an Freitagen wird darauf verzichtet, um dann an Ostern, dem höchsten Fest, wieder mit Fleisch zu feiern. Bei koptischen Christen in Ägypten gibt es zum Beispiel kaum ein Ostern ohne Fatteh, ein traditionelles Gericht mit Hackfleisch, Reis und Pitabrot. Auch Ärmere wollen daher Fleisch essen. Sich Fleisch leisten zu können, bedeutet, dass man dazu gehört. Daher wird dem Gast auch am liebsten Fleisch serviert: Nur das beste für den Gast eben.Traditionelle jordanische Gerichte wie Mansaf, Ouzi oder Magloubeh, die oft Gästen serviert werden, bestehen hauptsächlich aus Lamm oder Hühnchen und Reis. Vegetarismus wird aus diesen und wahrscheinlich vielen anderen Gründen, die ich als Ausländerin noch nicht ergründen konnte, in der arabischen Welt nicht unbedingt praktiziert, so auch in Jordanien. Viel öfter als in Deutschland muss ich hier nicht nur mich erklären („Nein, danke, ich bin Vegetarierin”), sondern auch den Begriff und das Konzept an sich. Oft wird mir dann statt Fleisch Hühnchen angeboten. Das zählt hier nicht als Fleisch und es gibt im Arabischen auch unterschiedliche Wörter für lahme (Fleisch) und jajj (Hühnchen). Das gleiche Unverständnis begegnet mir übrigens auch in Deutschland, wo Fisch kein Fleisch ist. Besonders bei privaten Zusammenkünften, oder aber unterwegs mit Beduinen in der Wüste finde ich mich jedoch in einem Dilemma wieder. Das Angebotene ablehnen würde mein Gegenüber sehr verletzen. Zum Glück habe ich meistens meinen Mann an meiner Seite, der in einem unbeobachteten Augenblick meinen Teller gegen seinen austauscht, auf dem kein Fleisch mehr ist. Ohne ihn hätte ich schon so manchen kulinarischen Affront begangen. Zurück in Deutschland hat er auch schon einmal das einzige Gemüse, das ich wirklich ungern esse – tiefgekühlten Rahmspinat – schnell von meinem Teller gelöffelt, als keiner hinsah. Das ist allerdings wirklich keine dauerhafte Lösung, weder für meinen Mann, der doppelt essen muss, noch für mich. Deshalb versuche ich, schon wenn eine Essenseinladung ausgesprochen wird, das Thema aus dem Weg zu räumen. Während im Jahr 2010 noch eine Frau in Amman festgenommen wurde, als sie in einem Kleid, das mit Salatblättern beklebt war, um für Veganismus und Vegetarismus zu demonstrieren, gibt es heute zwei (!) vegane Restaurants in der 4-Millionen-Stadt Amman und jenseits der Grenze in Saudi-Arabien auch eine recht erfolgreiche Vloggerin, die über ihr veganes Leben in Riad auf YouTube berichtet. Inzwischen liegen auch erschreckende Daten darüber vor, was der übermäßige Fleischkonsum mit der Gesundheit der Menschen im Nahen Osten anrichtet sowie Überlegungen, wie man damit umgehen kann und soll. Es scheint sich also etwas zu tun. Viele meiner deutschen Freund*innen versuchen mich regelmäßig dazu zu bringen, dem Messenger-Dienst WhatsApp abzuschwören. Sie haben ihre guten Gründe; Datenschutz ist sicherlich keine der Stärken der App. Auch wenn ich zeitweise überlegt habe, ihnen auf andere Kommunikationsplattformen zu folgen – seitdem ich in Jordanien wohne, steht es für mich außer Frage: WhatsApp bleibt. Es ist hier überlebenswichtig. Warum das so ist und warum Hausnummern niemanden interessieren, berichte ich Euch hier im zweiten Teil der Dinge, die ich gerne gewusst hätte, bevor ich nach Jordanien kam. Jedes Mal, wenn ich etwas geliefert bekomme, sei es Abendessen, Lebensmittel oder Möbel, dröhnt es aus dem Telefon: “Send location!”. Dieser Satz ist schon so Teil meines Lebens geworden, dass ich ihn auch im Scherz gegenüber meinem Mann verwende, wenn wir uns an einem für mich neuen Ort treffen. Aber warum? Immerhin habe ich tatsächlich eine Adresse, eine große, sichtbare Hausnummer am Haus, in einer Straße, die mit einem großen, grünen Straßenschild markiert ist, auf dem der Straßenname deutlich auf Arabisch und Englisch steht. Diese Adresse gebe ich auch jedes Mal an, wenn ich etwas bestelle, oder Handwerker beauftrage, neben, natürlich, meiner Telefonnummer. Tja, Adressen interessieren hier einfach niemanden. Vor allem in Amman, der Hauptstadt des Landes, sind fast alle Straßen erfasst, benannt und kartiert, aber trotzdem beschreibt man hier den Standort eines Hauses mit einer Stecknadel auf der WhatsApp-Karte, anhand der umliegenden Sehenswürdigkeiten, auffälligen Nachbarhäuser oder gar dem Familiennamen der Bewohner. Als ich neulich meine jordanische Freundin zum ersten Mal in ihrer neuen Wohnung besuchen wollte, konnte ich zunächst ihr Haus in der von ihr gesendeten “location”, nicht finden. Denn nicht in allen Teilen der Stadt funktioniert das GPS einwandfrei. Die Familien der umliegenden Häuser eilten herbei, um der verwirrt wirkenden Ausländerin zu helfen. “Wie heißt das Haus?”- “Keine Ahnung”. ”Welcher Supermarkt ist in der Nähe?” – “Bin leider zum ersten Mal hier.“ – “Wie heißt sie mit Nachnamen?”. Erst dann konnte man mir helfen. Meine Retter (die mich allesamt zum Abendessen einladen wollten, was ich dankend ablehnte) konnten mir genau sagen, wo vor zwei Wochen jemand mit dem Namen zwei Blöcke weiter eingezogen war. Man kennt sich. Hinter der Moschee mit der grünen Kuppel, nach dem Kiosk So-und-so, zweites Haus, zweite Etage. Ich dachte zwar dankend zurück an meinen Arabischkurs, durch den ich diese Unterhaltung führen konnte, Die Beschreibung des Standorts ist hier traditionell “textbezogen”, wie es ein Wissenschaftler des örtlichen “Center for the Study of Built Environment” schon vor dem Aufkommen von Smartphones beschrieb. Der Autor führt dies auf mangelnde schulische Bildung im Kartenlesen zurück. Aber inzwischen muss man wohl eher von “WhatsApp-bezogener” Standortbestimmung sprechen. Ich persönlich denke, dass sich Straßennamen einfach noch nicht etabliert haben und es durch das Aufkommen von Smartphones auch nicht konnten. Erst im Jahr 2007 führte die Stadtverwaltung Ammans ein einheitliches System für Straßennamen ein und ging im optimistischsten Fall davon aus, dass es sich in zehn Jahren etabliert haben könnte. In anderen Städten, wie z. B. in Ajloun im Norden des Landes wurden Straßennamen erst vor zwei Jahren eingeführt. Während diese neuen Adressen die Standortbestimmung erleichtern sollten, wurde das System, nun mehr als zehn Jahre später, jedoch vom “Standort teilen” auf WhatsApp überholt. Niemand hatte sich so richtig an die Adressen gewöhnt und schon waren sie nicht mehr relevant. Das mag auch daran liegen, dass Straßennamen hier alles andere als verbindlich sind. Meine Straße hat auf dem Schild einen ganz anderen Namen als auf den verschiedenen Online-Kartendiensten. Ob das daran liegt, dass der Namensgeber nicht bei allen gelitten ist, weiß ich nicht. Und weil eben das GPS dann doch nicht exakt genau den Standort darstellt, ruft man als Jordanier*in eben an, wenn man am Standort ist und lässt sich beschreiben, um welches Haus es sich handelt. Die Jordanier*innen haben wohl einfach weniger Berührungsängste als die Deutschen, wenn es ums Telefonieren geht. Mein Haus ist übrigens schräg gegenüber der Apotheke und neben der Polizei. Ach so: In meinem Handy finden sich inzwischen auch so schöne Kontakte wie “ikea1”, “fooddelivery”, “deliveryguy2”, “mohammed1”, “mohammed2”. Eine leidliche Eigenheit von WhatsApp ist, dass man niemandem schreiben kann, der nicht in der gespeicherten Kontaktliste ist. Einer von ihnen rief mich neulich an, um mir einen gesegneten Ramadan zu wünschen. Er hatte einfach seine ganze Kontaktliste durchtelefoniert. Wir konnten uns aber nicht erinnern, wer der jeweils andere war. In diesem Sinne: Ramadan mubarak! Oft kommt die Frage auf, was ich gerne vor unserem Umzug nach Amman gewusst hätte. Welche Tipps für zukünftige Expats ich habe, was meine größten Schwierigkeiten im Alltag sind. Ich muss jedes Mal kurz nachdenken, denn wie Ihr aus meinen vorherigen Blogposts wisst, fühle ich mich sehr wohl in diesem Land. Im Gespräch kommen mir jedoch so einige Dinge in den Sinn. Oft sind es Kleinigkeiten, die mir begegnen, die meine Stirn runzeln lassen und einen ersten Anschein von Kulturschock vermuten lassen. Gedanken zu Wetter, Friseuren und Kleidung in Jordanien. Der Winter in Amman war in diesem Jahr, wie mir viele Jordanier*innen und langjährige Expats berichten, mild. Das kann ich, die unerfahrene Ausländerin, nicht bestätigen. Naiverweise dachte ich, dass ich in diesen Breitengraden von Schnee, Wind und Regen weitestgehend verschont werden würde. Wie falsch ich lag! Ende November, als meine Winterjacke noch irgendwo zwischen Atlantik und Rotem Meer im Container schlummerte, bekam ich einen ersten Geschmack davon, wie sich die nächsten Monate entwickeln würden. Es war nass und kalt. Und dieser Wind! Ich fühlte mich richtiggehend zurückversetzt in die Zeit, in der ich mir in Rotterdam, in Spuckweite zur Nordsee und durchnässt bis auf die Knochen, schwor, nie wieder irgendwo hinzuziehen, wo der Wind einem den Nieselregen in die Kleidung treibt. Wo das Thermometer lügt, wenn es sagt, es sei über 0°C, weil es gefühlt mindestens -20°C kalt ist. Im Dezember wurde es noch schlimmer. Es wurde kälter und kälter und der Container mit meinen warmen Jacken war immer noch nicht da. Aus Prinzip, vielleicht Selbstbetrug, weigerte ich mich aber, etwas Warmes zu kaufen. Zögerte es immer hinaus, die Heizung in unserer Wohnung anzuschalten. Denn: Das konnte doch nicht sein! Als Weihnachtsgeschenk schaffte es dann mein ersehnter Wintermantel über das Meer, gerade rechtzeitig, um mich vor einer Erkältung zu beschützen. Gerade noch rechtzeitig für den Schnee. Richtig gelesen! Zwar hatten mir Jordanier*innen bereits erzählt, dass es hier jeden Winter schneit. Aber ich hatte tatsächlich gedacht, dass sie übertreiben und es schon nicht so schlimm sein könne. Denn die selbe Panik schieben Niederländer und Berliner auch für nichts. Ich erwartete also ein bisschen Schneeregen und einen Zentimeter Schnee, der in der Erzählung zu einem Meter wird. Aber ätsch, bätsch: Von dem einen auf den anderen Moment an einem Abend im Februar ging nichts mehr. 10 cm Neuschnee,vereiste Straßen, rutschende Passanten, aufheulende Motoren von im Schnee stecken gebliebenen Fahrzeugen. Am darauffolgenden “Schneetag” war dann auch spontan Feiertag, weil es sowieso niemand zur Arbeit geschafft hätte. Ich war vollkommen verblüfft – flabberghasted – wie man im Englischen so schön sagt. Ich lernte: Eine Wohnung mit Heizung ist ein Muss. Ich kenne Leute, die schon im Winter zu Freund*innen gezogen sind, weil sie in ihrer Wohnung ihren Atem sehen konnten. Hätten die mir das mal gesagt! Ein anderes Thema sind Friseure. damit ich hier die Haare einfach nur wachsen lassen kann. Ich war bisher einmal beim Friseur hier und kann damit nicht aus einem großen Erfahrungsschatz berichten, aber das was ich von anderen Europäer*innen höre, bestätigt meinen ersten Eindruck. Ich habe zwar viele, aber dünne Haare, wie es für meinen Haartyp eigentlich Standard ist. Leider habe ich nicht das volle, dicke, schwarze Haar vieler Jordanierinnen, was meine Friseurin dazu verleitete, mir Vitaminmangel und sonstige Gesundheitsprobleme anzudichten. „Dein Haar ist so dünn! Geht’s dir gut?“. Bei anderen Europäer*innen hat der jordanische Friseur schon Krebs an den Haaren diagnostiziert. Nichtsdestotrotz schnitt meine Friseurin meine Haare gut. Danach die obligatorische Frage nach dem Styling: „Glatt oder Locken?“. Da sich meine Haaren von Natur aus kräuseln, lag das Lockenstyling nahe. Das sah jedoch etwas anders aus, als ich es erwartet hatte: (Mein Post-Friseur-Selfie seht ihr oben.) Meine Naturlocken erfüllten wohl ihre ästhetischen Ansprüche nicht. Jetzt trage ich also meine Haare lang und im Dutt, ohne mich viel darum zu scheren. Mal sehen, wann ich mich wieder zum Friseur traue… Damit falle ich vielleicht auch noch mehr auf. Denn wenn es um Äußeres geht, sind die Jordanier*innen ganz darauf bedacht, sich nur tiptop gekleidet in die Öffentlichkeit zu trauen. Nun habe ich nicht den besten track record, was meine vorherigen Wohnorte anbelangt. In Berlin ist nun wirklich vollkommen egal, was man wo und wann trägt. In den Niederlanden, meinem vorherigen Wohnort, gilt Jeans mit abgetragener Lederjacke schon als zu formell. Hier habe ich den Eindruck, dass Mehr auch Mehr ist. Bei einigen Familien gibt es die Tradition, dass Frauen nach der Heirat ihre komplette Garderobe austauschen. Komplett! Ich habe mir also auch einen neuen Style angewöhnt. Zum einen weil ich mich wohler fühle, etwas mehr als in Europa zu bedecken. Und zum anderen, weil ich nicht als die schlecht gekleidete Ausländerin auffallen möchte. Von der abgetragenen Lederjacke kann, und werde ich mich jedoch nicht trennen. Hah! Karl der Große soll einmal gesagt haben: “Eine zweite Sprache lernen, ist wie eine zweite Seele zu besitzen.” Jeder, der eine zweite oder mehr Sprachen spricht, wird dies bestätigen können. Ich bin zum Beispiel, wenn ich Englisch spreche, erheblich selbstbewusster; wenn ich Niederländisch spreche gar direkter und unhöflicher. Jetzt, da ich Arabisch lerne, merke ich, dass eine weitere Seite an mir hervortritt, die in dieser Sprache lebt: Auf Arabisch bin ich netter, empathischer und zuvorkommender. Manche gebräuchliche Alltagsfloskeln im jordanischen Arabisch würde ich niemals im Deutschen verwenden, weil sie mir zu kitschig, zu nah, zu aufdringlich vorkommen würden. Als ich vor ein paar Tagen Hemden und Blusen bei der Reinigung abholte, fragte der Mitarbeiter dort, wo ich wohne. “Um die Ecke”, antwortete ich, und prompt bestand der Herr darauf, mir die Hemden nach Hause zu tragen. Er begleitete mich bis in unsere Wohnung. Immerhin lasse ich doch nicht jemand Wildfremdes in meine Wohnung?! Ich weiß es jedoch, was Jordanien betrifft, inzwischen besser. Der Mann von der Reinigung wehrte ein Trinkgeld vehement ab. Stattdessen verabschiedeten wir uns mit einem “Jatik il Afiye”, was so viel bedeutet wie “Möge Gott dir Gesundheit und Kraft geben”. Ein Wunsch, der auch außerhalb von Pandemiezeiten allen mitgegeben wird. Hier wünscht man nicht nur niemandem etwas Böses, sondern aktiv, mehrmals am Tag, nur das allerbeste. Der Ausruf “viel Kraft” kommt mir jedoch im Deutschen nur in den allerschwersten Situationen, die meine Freundinnen und Freunde mitmachen, über die Lippen. Aber hier ist er allgegenwärtig und könnte nun doch eigentlich passender nicht sein. Was weiß ich denn von meinen Mitmenschen? Vielleicht brauchen sie ja Kraft für etwas, was sie nicht mit mir teilen – gerade jetzt, während die Corona-Pandemie uns so viel unseres sozialen Lebens nimmt. Fand ich es noch so nervig, während meines Online-Arabischunterrichts in Deutschland diese Ausdrücke und Floskeln zu lernen, weiß ich jetzt, dass meine Lehrerin recht hatte, als sie mir sagte: “These expressions are super important, Anna! We will revise until you know them.” Wiederholen, bis ich sie mir endlich merken kann. Das fiel mir nämlich außerhalb von Jordanien schwer, da ich die Sinnhaftigkeit der Floskeln nicht begriff. Wie falsch ich lag! Neulich hat meine jordanische Freundin, die ich immer “habibti” – Liebling – nenne, geheiratet. Ich gratulierte ihr, mit einem “Mabrouk”, einer Kurzform für “du bist gesegnet”. Während im Deutschen und anderen europäischen Sprachen gerade mal ein “Danke“ zurückkommt, sieht man auch hier, dass das eigene Glück in der jordanischen Gesellschaft niemals in den Vordergrund rückt. Meine Freundin wünschte mir genau das gleiche: “Allah ya yabarak fiki”, “Gott segne dich auch.” Denn sie sagte “Aukbalek”, “Dasselbe für dich.” Zwar bin ich schon verheiratet, aber was sie meinte war, dass auch mir nur Gutes widerfahren soll. Meine Familie, potenzielle Kinder und ich sollen so glücklich sein wie sie und dasselbe erleben. Zum Glück hatte ich diesen Austausch kurz vorher im Unterricht durchgenommen und konnte ihr die richtige Antwort geben: “Du wirst dabei sein.”, “Bajudek”. So gibt es viele dieser Beispiele, die mir tagtäglich begegnen. Ein Segensspruch, wenn man gerade geduscht hat oder eine neue Frisur hat. Die Aussage: “Möge jeder Tag des Jahres so gesegnet sein wie heute” zu Feiertagen oder zum Geburtstag. Es wäre müßig, alle diese Ausdrücke aufzuzählen, auch, weil ich jeden Tag etwas Neues hinzulerne. Ich merke jedoch, dass das Lernen dieser Sprache viel mit Emotion zu tun hat, mit den Gedanken an andere. Mit einem Blick auf die Welt, der so ganz anders ist als es die geradlinigen germanischen Sprachen, die mich bisher auf meinem Lebensweg umgeben haben, erlauben. Jede dieser Sprachen hat meine Persönlichkeit geprägt und ich liebe sie alle als einen Teil von mir. Aber auch Arabisch wird langsam, aber sicher ein Teil von mir und verändert mich. Zum Positiven. In diesem Sinne: “Ma’asalame!”, “Frieden mit euch”, bis zum nächsten Mal an dieser Stelle. Als wir gesternabend die Wohnungstür hinter uns schlossen, taten wir das zum letzten Mal für die nächsten 36 Stunden. Es ist Freitag, ist mal wieder Lockdown. Und zwar so richtig. Während in Deutschland von einem “Lockdown” gesprochen wird und Kontaktbeschränkungen gemeint sind, nimmt man es hier begrifflich sehr ernst. Wir dürfen während eines Lockdowns die Wohnung nicht verlassen. Die Polizei und das Militär patrouillieren die Straßen. Wer trotzdem nach draußen geht, riskiert hohe Geld- oder gar Freiheitsstrafen. Wohl dem der einen Balkon hat (wir!). Denn von unserem kleinen Außenbereich kann ich die Dachterrassen der Nachbarn einsehen und beobachten, wie man nebenan den Lockdown erlebt. Für meine Nachbarin heißt Lockdown immer: die Schwiegermutter zieht ein. Wir wohnen im Zentrum der 4-Millionen-Stadt Amman an einer der Hauptverkehrsachsen. Entsprechend laut ist es an jedem normalen Tag. Im Moment ist es jedoch so leise, dass man die Vögel singen hört und die Luft so sauber, dass man einmal wirklich durchatmen kann. Denn draußen sind nur diejenigen unterwegs, die eine Ausnahmegenehmigung bekommen haben, wie zum Beispiel Ärzte, Polizei, Müllabfuhr. Kaum Autos. Die Luft ist frisch, rein und angenehm kühl. Mich überkommt ein kurzer Augenblick der Freude, die Aussicht auf einen Herbstspaziergang. Die Covid-Fallzahlen hier in Jordanien sind in den letzten zwei Monaten explodiert. Nachdem im Frühjahr nach drakonischen Maßnahmen schon die Ausrottung des Virus in Jordanien proklamiert wurde, kam die zweite Welle nach den ersten Lockerungen mit umso größerer Wucht. Zurzeit erreicht Jordanien Fallzahlen von durchschnittlich etwa 3000 Neuinfektionen am Tag. Damit befinden sich die Fallzahlen hier auf dem Niveau von Deutschland. Strengere Maßnahmen und Hygienevorschriften zeigen hier – wie daheim – leider nur begrenzt Wirkung, man zögert aber auch, noch einmal die ganze Wirtschaft herunterzufahren. Diese ist eben nicht so stabil wie in Deutschland. Man versucht daher vieles – durch Versuch und Irrtum – inklusive kurzer Lockdowns. Bis zum Jahresende gilt so, neben der nächtlichen Ausgangssperre ab 10:00 Uhr, jeden Freitag eine komplette Ausgangssperre, um am heiligen Tag der muslimischen Mehrheit im Lande zu verhindern, dass es zu großen Familienzusammenkünften und Superspreading-Events kommt. Für meinen Mann und mich bedeuten diese Lockdowns nicht nur, dass uns ein Tag des Wochenendes zur Erkundung des Landes fehlt, sondern auch, dass wir unter dem Strich seit unserer Ankunft im September ein Drittel unserer Zeit hier im Lockdown oder der Quarantäne verbracht haben. Denn die meisten Fälle treten natürlich hier in der Hauptstadt auf. Jeder von uns hatte bereits einen Risikokontakt, was jeweils sieben Tage Isolation bedeutete. Dann wurde ich krank mit Erkältungssymptomen. Wieder Isolation. Hinzu kommt die Quarantäne nach der Einreise. Fünf Coronatests in zwei Monaten. Und so langsam geht es an die Substanz. Dabei beobachte ich jedoch auch so einiges, das meine Laune hebt und mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Bei den direkten Nachbarn ist es eigentlich am spannendsten. Wenn ich zwei Frauen im Streit schreien höre, weiß ich, die Schwiegermutter ist mal wieder für die Dauer des Lockdowns eingezogen. Das, was ich mit meinen begrenzten Sprachkenntnissen mitbekomme, ist genau das, was sich überall auf der Welt zwischen Schwiegermutter und -tochter abspielt. Das Essen macht sie aber immer anders. Ihr Sohn mag es so aber lieber. Die Kinder sind so unruhig, mach doch mal was. Das ist alles eine Frage der Erziehung. Komm’, ich helfe dir mal! Lass doch mal deinen Mann in Ruhe, der arbeitet unter der Woche schon genug. Einiges dichte ich mir natürlich dazu, aber es ist doch erfrischend, dass es bestimmte Dinge gibt, die überall gleich sind. Lockdown heißt bei den Nachbarn auch immer: es wird gegrillt. Der Mann steht am Grill, der Sohn weiß es natürlich besser und seine Mutter hat Hunger. Seine Frau sagt, er hätte ja auch früher anfangen können. So gehen die Stunden des Lockdowns dann doch irgendwie vorbei und es ist beruhigend, dass auch in dieser schwierigen Zeit, einiges einfach ganz normal ist. Wie sinnvoll ein Lockdown ist, wenn die Familien nicht nur zum Kaffeetrinken freitags aufeinander treffen, sondern das ganze Wochenende miteinander verbringen, sei dahingestellt. So sind sie eben, die Jordanier, Familie ist das wichtigste. Unten auf der Straße gehen zwei Polizisten auf und ab. Ich beneide sie, sie dürfen sich frei bewegen. Sie selbst wirken aber eher gelangweilt, sie würden wahrscheinlich auch lieber mit ihrer Familie grillen. Während ich diese Zeilen schreibe, schallt “Staying Alive” von den Bee Gees von der nachbarschaftlichen Dachterrasse durch das gesamte Viertel. Ein Motto, dass wir uns vielleicht im Moment alle zu Herzen nehmen sollten.query-monitor domain was triggered too early. This is usually an indicator for some code in the plugin or theme running too early. 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Für mich gibt es daher manchmal nur einen Ausweg: Pommes im Brötchen.
Fleisch und das Schlachten von Tieren spielt eine große soziale und religiöse Rolle in der gesamten arabisch-muslimischen Welt.
Sozial gesehen wird Fleisch essen und servieren zudem als ein Zeichen für Reichtum angesehen.
Ich hoffe dabei einfach, dass sich der sehr kleine Trend zum Fleischverzicht irgendwann doch ein bisschen durchsetzt.
Bis dahin bleiben mir immer noch Pommes im Brötchen. So ungesund es klingen mag, schmecken tut’s und ist im Übrigen gar nicht mal so ungewöhnlich in dieser Ecke der Welt.
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“Send location! Send location, Madam! WhatsApp!”, die dringende Bitte nach dem Zusenden meines Standorts begleitet mich seit Tag eins meines Aufenthalts in Jordanien
frage mich aber im Nachhinein ernsthaft, warum man mir die Wörter für “links”, “rechts”, “geradeaus” und “Adresse” (!) beigebracht hat.
Wenn Ihr euch fragt, wie ich Post bekomme, kann ich nur müde lächeln. DAS, meine Lieben, ist eine Geschichte für sich.
Versprochen hatte ich Euch noch einen Bericht über eins meiner anderen Alltagsprobleme, nämlich warum es überraschend schwierig ist, hier, im Land der Mezze, vegetarisch zu leben. Weil WhatsApp hier aber so viel Raum einnimmt, erfahrt Ihr das erst im nächsten Post. Cliffhanger kann ich!
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Doch hier war ich nun, mitten in der Wüste, ohne Winterjacke, und fror.
Rückblickend wäre es sinnvoll gewesen, mir vor unserem Umzug einen radikalen Kurzhaarschnitt verpassen zu lassen,
Die Dame fing an mein Haar gewissenhaft zu glätten, um mir anschließend mit einem Lockenstab die schönsten Kräusel à la Friedrich Schiller zu verpassen.
Warum WhatsApp hier überlebenswichtig ist, Hausnummern niemanden interessieren und warum es überraschend schwierig ist, im Land der Mezze vegetarisch zu leben – das erfahrt Ihr in Teil 2!
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Daheim in Deutschland würde mir solcherlei Verhalten nicht nur seltsam vorkommen, sondern mir gar Angst einjagen.
Vielleicht sind es genau diese drei Worte, die für meinen Mitmenschen den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Tag ausmachen.
Da hörten die guten Wünsche für mich jedoch nicht auf. Erstaunt war ich, denn ich war doch nicht diejenige, die heiratete!

Es ist gespenstig ruhig draußen.
Dann erinnere ich mich: der Spaziergang endet heute mal wieder auf dem Balkon.
So sitze ich viel auf dem Balkon oder schaue sehnsüchtig aus dem Fenster. Auf die Stadt, die ich mir mein eigen machen will, aber nicht kann.
Ich werfe meinem Mann verzweifelte Blicke zu, wenn bei der Grillparty mal wieder der Ketchup-Song läuft.

Alles fängt damit an, dass ich an einem glühend heißen Tag im Ammaner Spätsommer mit einem frischen arabischen Kaffee in der Hand einen schattigen Ort suche. Mir läuft der Schweiß, ich will mich kurz hinzusetzen. Das ist meine neue Routine. Spaziergang, Kaffee, die Nachbarschaft Auskundschaften. Wir sind aus der Quarantäne raus, mein Mann ist im Büro. Neuer Alltag. Ich zwinge mich, jeden Tag zumindest für eine Stunde raus zu gehen. Auch wenn es verlockend ist, den ganzen Tag zu Hause unter der Klimaanlage zu verbringen. Ich habe doch nichts anderes zu tun. An jenem Tag finde ich den erlösenden Schatten auf einem Spielplatz. Endlich. Schaukeln mit Kaffee, warum nicht. Was ich nicht erwartet habe, ist, dass sich an diesem Tag mein Blick auf die Menschen dieser Stadt ändert, ich Teil werde eines informellen Treffpunkts meiner Nachbarschaft. Man mustert mich. Offensichtlich Ausländerin. Ein kurzes Lächeln. Die erste Verbindung ist da. „Bitichki Arabi?” – „Sprichst du Arabisch?”. „Schwei” – „Ein bisschen.“ An diesem Tag komme ich ins Gespräch mit meinen neuen Nachbarn. Dies sind ihre Geschichten.
Die ältere Frau, mit weißem Kopftuch und einer schwarzen Abaya, hat mich schon zehn Minuten lang immer wieder angestarrt. Ich spiele mit meinem Handy, nippe an meinem Kaffee. Er will in dieser gnadenlosen Hitze einfach nicht abkühlen. Irgendwann schauen wir uns in die Augen. Und da ist es. Ein zahnloses, aufrichtiges, unvoreingenommenes Lächeln. Sie ist schon alt, aber ihre Lachfalten verraten, sie ist jung geblieben. Ein fröhlicher Mensch. Sie fragt mich, ob ich Arabisch spreche. „Ah, asfe, bas schwei Arabi.” Tut mir leid, nur ein bisschen. Macht nichts, ich spreche ein bisschen Englisch. Woher kommst du, bist du verheiratet, hast du Kinder? Die Standardfragen in einer Gesellschaft, in der Familie über alles steht. Ich habe mir angewöhnt, auf die Frage, ob ich Kinder habe, zu antworten, „Inschallah”. So Gott will. Alles andere ist zu kompliziert zu erklären. Ein bedauerndes „inschallah” kommt jedes Mal zurück. Auch jetzt. Neben ihr schaukelt ihre Tochter. Sie ist etwa 16. Sie hat noch nicht gesprochen. Wird sie auch nicht. Sie wirkt apathisch. Sie kommen aus Syrien sagt sie. Kopfkino. Wie viele Familienmitglieder sie wohl verloren hat? Was ihre Tochter wohl erlebt hat, dass sie nicht spricht?
Mir fehlen die Worte. Und mir wird wieder einmal bewusst, was für ein Glück ich habe, Recht auf diesen roten Pass, der in meiner Tasche schlummert, zu haben. Er erlaubt es mir, frei zu entscheiden, wo ich sein möchte. Jederzeit. Wir schauen uns nur an. Vieles schwingt in diesem Blick mit. Ich habe den Eindruck, wir einigen uns. Darüber sprechen wir nicht. Ob ich glücklich sei, fragt sie. Ja, ich fühle mich sehr willkommen in Jordanien. Ja, sagt sie, wir können glücklich sein, hier zu sein. Dabei bleibt es. Wir wechseln das Thema und sprechen über Essen. Das geht immer. Sie möchte mir syrisch Kochen beibringen. Ich müsse doch gut für meinen Mann sorgen. Ihr Handy klingelt, sie antwortet. Scheint aufgebracht. Ich stehe auf. „Wir sehen uns.” „Ja, wir sehen uns, inschallah”, verabschiedet sie mich.
Selber Ort, anderer Tag. Heute sitze ich auf der Bank unter der alten Zypresse. Ein älterer Herr fragt mich in ausgezeichnetem Englisch, ob ich ihm kurz helfen könne mit seinem Handy. Kurz das Backup auf später setzen, klar, kein großes Ding. Ich biete ihm an, sich zu mir zu setzen. Er ist Jordanier, aber erst seit drei Jahren wieder hier. Als Englisch- und Erdkunde-Lehrer hat er sein gesamtes Berufsleben in Libyen gelebt und gearbeitet.
Hat natürlich nie in ein jordanisches Rentensystem eingezahlt. Die Rente in Libyen? Wer weiß wo die ist. Gaddafi sei furchtbar gewesen, aber es sei ihm gut gegangen dort. Libyen sei es besser gegangen mit Gaddafi. Romantisierung eines Diktators. Oh, Mann. Autobahnen und so. Kenn’ ich. Ich muss schlucken. Sofort frage ich mich, wie eng er wohl mit dem Regime verbandelt war. Aber die Frage spreche ich nicht aus. Er erzählt weiter. Er muss und will arbeiten. Als Lehrer. Er liebt es, Kindern etwas beizubringen. War bei gefühlt allen Schulen der Stadt, aber sie wollen ihn nicht. Zu alt. „Warum darf man mit 74 Jahren Präsident der USA werden, aber ich darf im selben Alter nicht unterrichten?”. Gute Frage. Sehnsüchtig schaut er auf die spielenden Kinder. Wie gern er mit einem Stock die Weltkarte in den Sand ziehen würde. Lehrer sein ist sein Lebensinhalt. Meinen Fragen nach Familie weicht er aus.
In Deutschland und der restlichen “westlichen” Welt schwingt bei diesem Satz direkt Terror, radikaler Islam und Angst mit. Gar Todesangst. Muezzinrufe sind in Deutschland großes Politikum, heute wird z.B. ein Urteil zu einem Verbot in Oer-Erkenschwick erwartet. Denn wir lesen diesen Satz, den Muezzine singen, vor allem, wenn es um Selbstmordanschläge Radikaler geht. “Der Täter sagte laut Zeugenaussagen ‘Allahu akbar’ und sprengte sich in die Luft”. Es wird Angst geschürt. Dabei bedeutet dieser Satz etwas komplett anderes. Ist sogar mehr als nur ein Satz. Ist Grundfest des Glaubens, im Islam, aber auch in anderen monotheistischen Religionen. Jetzt strukturiert dieser Satz auch meinen Tag.

Dieses Fundament des muslimischen Glaubens hat sogar einen eigenen Namen. Der Satz heißt al takbir. Er ist vor allem für sunnitische Gläubige allerwichtigster Bestandteil ihrer Religion. Er wird jeden Tag mehrfach verwendet, muss vor jedem der fünf Pflichtgebete (salat) gläubiger Moslems gesprochen, während des Gebets vier- bis fünfmal wiederholt werden und wird auch vom Muezzin beim Ruf zum Gebet (adhan) gesungen.
Hier komme ich ins Spiel.
Denn auch ich, christlich aufgewachsen, warte jeden Tag sehnsüchtig auf den Ruf des Muezzins, der sich über an Moscheen angebrachte Lautsprecher wie eine heilige Welle durch die ganze Stadt Amman bricht. Reiße das Fenster auf, damit ich ihn besser höre. Er ruft fünf Mal am Tag, zum Morgen, zum Mittag, zum Nachmittag, zum Sonnenuntergang und zur Nacht. Ich kann nicht umhin, mir einzubilden, dass diese Zeiten nicht zufällig gewählt sind. Sie teilen den Tag ein.
Der Geräuschspegel steigt. Die Stadt füllt sich mit Leben. Die Hitze des Tages verschwindet. Die Menschen kommen aus ihren Häusern. Verlassen die Arbeit. Besuchen Verwandte, Freunde. Der Arbeitstag ist vorbei, das Private, Zwischenmenschliche beginnt. Sie sagen implizit Dank für diesen neuen Tag. Dass mal wieder die Sonne auf- und untergegangen ist, hoffen, dass sie das morgen wieder tut. Abschluss und Neuanfang. Ich nutze den Moment, atme tief ein. Reflektiere meinen Tag, manchmal sogar mein Leben.
Ich habe das Gefühlt, die Menschen hier denken durch diesen allgegenwärtigen Satz immer daran, dass sie nur ein kleiner Teil dieser Welt sind, denn Gott ist der größte. Dies führt zu einer Bescheidenheit in dieser Gesellschaft, die ihres gleichen sucht. Einer Freundlichkeit gegenüber Mitmenschen, die ihres gleichen sucht. Liebe deinen Nächsten. Jeder, der mir begegnet, heißt mich in diesem, seinem Land willkommen. Freut sich über diese seltsame Nächste aus dem Abendland.
Zurück in Deutschland fühlt sich ein Ehepaar durch einen einzelnen Muezzinruf an einem Tag in der Woche, am heiligen Tag der Muslime, dem Freitag, gestört. Man könne sich ja nicht die Ohren zuhalten, sagen sie in der Bild. Sie wollen nicht verpflichtend an einem Gebet teilnehmen und fühlen sich zur Konvertierung aufgerufen. Das sei nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Ihr christlicher Glaube werde diffamiert. “Allahu akbar” sei Teil des Gebets und sei daher nicht nur ein Aufruf zum Gebet, wie z.B. Kirchenglocken. Meinetwegen.
Du sollst keinen Gott neben mir haben. Großer Gott wir loben dich. Hat sich da mal jemand den ganzen Text des Liedes, das ständig auf öffentlichen katholischen Prozessionen gesungen wird, angehört? Oder das Markusevangelium tatsächlich gelesen? Der Herr, unser Gott, ist der Herr allein.
Der christliche Glaube stützt sich ganz genauso wie der Islam auf diese Aussage. Gott ist der größte. Das Christentum hat im übrigen im Neuen Testament die Nächstenliebe nicht “erfunden”, sondern dies findet sich schon im Alten Testament:
“Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.” 3. Buch Mose 19,18.
Ich bin bei weitem keine Religionswissenschaftlerin. Nur eine interessierte Bürgerin, die sich zufällig in ihrer Freizeit mit den abrahamitischen Religionen beschäftigt. Und wenn selbst ich die Widersprüche der Kläger entlarven kann, stimmt wohl etwas mit der Klage nicht. Und ja, es gibt auch Radikale, die Glauben missbrauchen und missbraucht haben. Evangelikale und Kreationisten. Donald Trump. Kreuzritter. Ach so, an was anderes gedacht?
Heute Abend warte ich wieder auf den Muezzin. Werde in mich gehen und wahrscheinlich darüber nachdenken, wie das Gericht entschieden hat. Irgendwann werden dann auch die Kirchenglocken über die Hügel Ammans läuten. Und ich werde wieder ein- und ausatmen. Vielleicht mit dem Gefühl, dass es wirklich etwas größeres gibt.
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….Noch schwieriger, als in das kalte Wasser der Abhängigkeit zu springen, ist es jedoch für mich, das Leben in der Stadt aufzugeben, die für mich seit jeher Sehnsuchtsort ist. Berlin.
Anders. Als Außenseiterin. Ich flüchtete für viele Jahre in die Niederlande, reiste, entwickelte mich zur Person, die ich heute bin. Es ist aber Berlin, das sich in meinem Herzen breit gemacht hat, wie sonst kein anderer Ort der Welt. Die Stadt, in der ich angekommen bin. Sie bedeutet für mich die Freiheit, nach der ich mich immer gesehnt habe. Es interessiert hier absolut keinen, wo ich herkomme, wer mich früher gemobbt hat. Das Landei konnte sich hier frei erfinden. Ich selbst sein. Wie viele Berliner muss ich sagen: Ick liebe dir, Berlin.
Aber ich liebe eben auch meinen Mann. Wie man so schön sagt „über alles.“ Es ist nun an der Zeit, dieses Versprechen in die Tat umzusetzen. Nur durch ihn konnte ich meinen Traum von Berlin verwirklichen. Jetzt kann ich ihm helfen, seinen Traum von Amman zu verwirklichen. Denn ich weiß, wenn ich nicht mitginge, hätte er die Stelle in Jordanien nicht angenommen. Die Entscheidung war also für mich von Anfang an klar. Natürlich gehe ich mit. Aber was heißt das jetzt für mich als Person?
Es ist schwer, meine Entscheidung losgelöst von meiner Sozialisierung und meinen anschließend erworbenen feministischen Idealen zu sehen. Ich habe den Eindruck, dass, wie man es auch dreht, ich für einige immer den Feminismus verraten werde. Nicht für „uns Frauen“ einstehe und nicht statt meiner Beziehung meine Karriere voranstelle.
Bei all dem bleibt jedoch eine Feststellung, um die sich alles dreht. Es ist die Liebe zu meinem Mann, die mich zu diesem Schritt bewegt. Ich kann mir ein Leben in einer solchen Fernbeziehung schlichtweg nicht vorstellen. Ich würde unglücklich werden. Mein Mann würde unglücklich werden. Letztendlich ist das der einzige Grund für meine Entscheidung. Es ist eigentlich ein sehr eigennütziger Grund. Und vielleicht ist es genau das, was ich mir bewusst machen muss.
Gesellschaftlicher Druck bringt mich nämlich nicht zu diesem Schritt. Sondern Liebe. Liebe zu meinem Mann, aber vor allem, Liebe zu mir selbst. Ich denke, das ist genau das feministische an diesem Schritt. Ich denke, es ist feministisch, als Frau auch solche, auf den ersten Blick unemanzipatorische, Entscheidungen zu treffen, wenn es für einen selbst der richtige Weg ist.
Es muss auch für Frauen okay sein, sich einzugestehen, dass man die Liebe seines Lebens gefunden hat und danach handelt. Und lieben, das kann ich überall, aber nicht ohne Ihn.
Mit Dank an K. Krueger für das Lektorat dieses Textes.
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Als meine Berliner Freundinnen von unserem Umzug nach Jordanien erfahren haben, kamen keine Glückwünsche: „Gehst du mit?“, fragten sie erstaunt. Es klang aus ihrem Mund, als schickte ich mich selbst in die Wüste. Ja, fast als würde ich Hochverrat begehen. Und das machte mir Sorgen. Ich dachte doch, dass ich mich von dem Rollenbild meiner Eltern weit entfernt hatte. Ich in einer gleichberechtigten Beziehung lebe.
Aber tu’ ich das?
Da war lediglich meine Mutter, die in ihrem Leben als Hausfrau meinem Vater den Rücken von allem freigehalten hat, was Haushalt und Kindererziehung anbelangt. Ihr Votum war: „Ich wäre mit deinem Vater auch überall hingegangen.“ Ganz selbstverständlich. Für mich war es das auch. Für viele andere nicht.
Vor einigen Tagen sind mein Mann und ich in nun in Amman, Jordanien angekommen. Bleiben werden wir hier etwa zwei Jahre, vielleicht auch länger, je nachdem, wie lange mein Mann dort arbeiten wird. Das bedeutet für mich nicht nur einen Sprung ins kalte Wasser in einem der wasserärmsten Länder der Welt, sondern auch, dass ich mein Selbstverständnis als Frau noch einmal gründlich hinterfragen muss. Die erstaunten Fragen aus Berlin haben mich in meinem Kopf hierhin begleitet.
Denn: Ich werde hier erst einmal nur das Recht haben, Hausfrau zu sein und mich privat zu beschäftigen. Arabisch lernen. Selbst das ist nur ein Recht, das ich durch meine Beziehung erwerbe und durch nichts anderes. Weder durch mein Studium, noch meine Arbeitserfahrung.
Das muss man sich als Feministin im 21. Jahrhundert erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Nun möchte ich vorab eines klar stellen, da man denken könnte, das läge am ach so konservativen und muslimischen Land Jordanien. Aber für alle Nicht-EU-Staatsangehörige gelten in Deutschland und der EU ähnliche Bedingungen, wie sie für mich als Ausländerin in Jordanien gelten. Es ist ganz einfach so: Arbeit habe ich hier noch nicht. Die bräuchte ich aber für eine „eigene“ Aufenthaltsgenehmigung. Und gerade jetzt in Corona-Zeiten auf die Entfernung einen Arbeitgeber zu finden, der mir mein Arbeitsvisum sponsort, war nahezu unmöglich. Also bleibt die Aufenthaltsgenehmigung als Ehepartnerin eines Arbeitenden.
Gleich zwei Arbeitsstellen im Bereich Europarecht. Arbeit, die mir gefällt, ein stabiles soziales Netzwerk. Freunde. Familie. Ich begebe mich in eine finanzielle Abhängigkeit von meinem Mann. Das ist ein Zustand, den ich eigentlich seit dem Studium, das meine Eltern aufopferungsvoll finanzierten, nicht mehr kenne und nicht mehr wollte. Nie hatte ich mich so frei gefühlt, wie an dem Tag, an dem ich mein erstes Gehalt bekam. Es für sinnloses Zeug ausgeben konnte. Ohne dieses ständige Rechtfertigungsgefühl gegenüber anderen. Das wird jetzt unbestreitbar wiederkommen. Für meinen Mann ist es jedoch einfach selbstverständlich, dass ich auf seine Kosten lebe. Viel seines Budgets des Relocation-Services geht dafür drauf, mich zu coachen, damit ich in Amman Arbeit finde, bzw. meine Selbstständigkeit ausbauen kann. Trotzdem fühle ich mich dabei schlicht unwohl.